Auftakt zur Tarifrunde im hessischen Einzelhandel: Arbeitgeber unterbreiten höchstes Angebot seit Jahrzehnten
Zum Auftakt der diesjährigen Tarifverhandlungen unterbreiteten die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber am 24. April 2023 ein sich auf zwei Jahre erstreckendes Angebot mit einer Erhöhung von insgesamt fünf Prozent, aufgeteilt in zwei Erhöhungsschritte. Zuzüglich boten sie eine steuer- und abgabenfreie Inflationsausgleichsprämie von 1.000 Euro, ebenfalls aufgeteilt in zwei Schritte, an.
„Auch wenn die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zugunsten der Mitarbeitenden an einer schnellen Lösung der Tarifrunde interessiert sind, ist streng darauf zu achten, dass Erhöhungen von den Unternehmen in der Branche am Ende noch gestemmt werden können“, so Nico Lehm, Vorsitzender der Tarifkommission in Hessen. „Wir sind mit dem schnellsten und höchsten Angebot seit Jahrzehnten in diese Tarifrunde eingestiegen. Das Gesamtvolumen unseres Angebotes, bestehend aus einer Grundlohnerhöhung und der Inflationsausgleichsprämie, ist höher als jeder einzelne Tarifabschluss der vergangenen Jahre. Wir zeigen damit, dass wir nach einer Lösung suchen, die sowohl die Bedürfnisse der Mitarbeitenden als auch die starken wirtschaftlichen Zwänge unserer hessischen Händlerinnen und Händler zum Ausgleich bringt“, so Lehm.
Die Rahmenbedingungen für den Handel sind weiter extrem herausfordernd, die Konsumzurückhaltung ist deutlich zu spüren. Laut einer aktuellen Umfrage des Handelsverbandes Hessen beurteilen rund 60 Prozent der befragten Händlerinnen und Händler die aktuelle Konsumstimmung als schlecht. Gleichzeitig muss in Handelsunternehmen stetig investiert werden. Bau-, Transport-, Beschaffungs- und Energiekosten belasten die Unternehmen indes überdurchschnittlich hoch. Über 60 Prozent der Händlerinnen und Händler in Hessen geben an, dass ihre Kosten in den letzten 12 Monaten um 15 bis 25 Prozent gestiegen sind. Ein Drittel der hessischen Händlerinnen und Händler ist durch die steigenden Energiekosten in der wirtschaftlichen Existenz bedroht. Die Hälfte der befragten Unternehmen beklagt einen Umsatzrückgang im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019.
„Die Tarifpolitik sollte von der Politik empfohlene Instrumente, wie die Inflationsausgleichsprämie nutzen, um die Inflation zu bremsen. Wir haben diese deshalb in unser Angebot eingebaut. Sie wirkt besonders stark, weil sie ohne Abzüge bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ankommt. Um die Folgen des Kaufkraftverlustes zu bewältigen, kann man sich jedoch nicht allein auf die Tarifentwicklung stützen, das würde die Inflation erheblich anheizen und für alle Beteiligten sowie für die gesamte Gesellschaft zu weiteren Schäden führen“, so Lehm weiter.
„Bei Lohnforderungen ist aktuell mehr denn je Augenmaß gefragt. Die pauschale Forderung von ver.di nach einer Anhebung der tariflichen Entgelte um 2,50 Euro pro Arbeitsstunde, ist für Händlerinnen und Händler zu hoch. Bei einer Vollzeittätigkeit im Einzelhandel mit 163 Stunden pro Monat, wäre dies eine Steigerung um 407,50 Euro im Monat, was beim wichtigen Verkäufereckgehalt in Hessen ein Plus von über 14 Prozent bedeuten würde. In den unteren Entgeltgruppen läge die prozentuale Erhöhung in der Spitze sogar bei mehr als 23 Prozent. Das würde die für den Forderungszeitraum prognostizierte Höhe der Inflation deutlich übersteigen. Auch die Forderung der Gewerkschaft nach einer sogenannten Allgemeinverbindlicherklärung (AVE) ist in diesem schwierigen Umfeld vollkommen unverhältnismäßig“, so Lehm abschließend.
„Den so wichtigen Ausgleich der Interessen beider Seiten hatten wir mit unserem historisch hohen und für die Branche extrem herausfordernden Angebot klar zum Ziel. Eine entsprechende Lösung hätte von Seiten der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in dieser Verhandlungsrunde zügig erreicht werden können. Es ist bedauerlich, dass sich der Sozialpartner am heutigen Tage jedoch so wenig gesprächsbereit und zielorientiert gezeigt hat“, ergänzte Sven Rohde, Hauptgeschäftsführer Handelsverband Hessen.
Als nächster Verhandlungstermin ist der 24.05.2023 anvisiert.
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